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Museumspräsentationen mit und ohne Glas
 
Editorial

Die in dieser Ausgabe vorgestellten russischen Blindenmuseen sind weniger für Blinde gemacht als Marketinginstrumente ihrer Vereinigung. Es gibt dort zwar auch Braille-Informationen und ein Objektangebot zum Betasten, aber vor allem Vitrinenlandschaften mit historischen Zeugnissen, die Sehenden die Leistungsfähigkeit blinder Menschen vor Augen führen sollen. Vor allem durch Kompensation können Blinde voll Leistungen bringen, die weit über das hinausgehen, was Sehende vermögen.

Daß Glasscheiben von Vitrinen und Dioramen neben ihren nützlichen Schutzfunktionen auch heutige BesucherInnen den Museumsbesuch auch anstrengend machen können, weil sie beim Betrachten der Objekte und Lesen der Beschriftungstäfelchen stören, und deswegen manche Szenografen und Museumskritiker diese sogar mitverantwortlich für ein verstaubtes Museumsimage in der Öffentlichkeit machen, ist bekannt. Was also liegt näher, als Glasscheiben zu produzieren, die man kaum mehr sieht? Das klingt (wegen der Spurenelemente in der Ausgangsbasis) fast wie die Quadratur des Kreises, einmal abgesehen von der Gefahr, daß diese Scheiben übersehen werden und BesucherInnen sich an ihnen stoßen könnten.

Die exzellent gemachte Anzeigen und die Videofilme des belgischen Glasherstellers sind allein schon „sehenswert“ und haben unlängst sogar Preise gewonnen. An diese neue scheinbare Zugriffsfreiheit werden sich die Besucher jedoch schnell gewöhnen und dann diese Hightech-Gläser auch bewußt genießen. Voraussetzung hierfür ist aber in jedem Fall hinter dem Glas ein Objekt der Begierde, des Staunens, der Versenkung, der Bewunderung, des Nachdenkens: Verhaltensweisen, die im Zeitalter von Big Data, Gesichtscanning und Kaufbeobachtung in Supermärkten dem homo sapiens langsam abhandenkommen, ist doch das Ziel von Politik und Technik der „gläserne“ homo oeconomicus, der mit jenen im Dresdner Hygiene-Museum nicht im entferntesten etwas zu tun hat.

Unseren Leserinnen und Leserinnen eine anregende Lektüre!

Adelheid Straten

Inhalt

4 Nachrichten
7 Namen
8 Impressum; AutorInnen


Was bedeutet „Kultur“?

9 Anette Rein
Kulturelle Bildung, Kulturelle Integration, Leitkultur. Eine ethnologische Annäherung an den Kulturbegriff, Teil 2

Museumspräsentationen mit und ohne Glas

14 Frank Maier-Solgk
Kunsthalle Düsseldorf – 50 Jahre Avantgarde

16 Utz Anhalt
Panoramen und Dioramen: von der Urzeit der virtuellen Realität zu neuen Ansätzen

22 Inka Schube
IT’S ALL CONNECTED SOMEHOW
Sascha Weidner – Nachlasssichtung I im Sprengelmuseum Hannover

24 Lutz Boden
Klare Sicht auf Kunst und Kultur
Ein Interview mit Leon Broekman von Guardian Glass

27 Ilja Brustein
Die leuchtenden Farben in der Dunkelheit.
Die Blindenmuseen in Moskau und Sankt Petersburg: Toleranz gegenüber der Menschen mit Behinderungen

34 Wichtige Ausstellungen

Zum Titelbild:

BERGZAUBER UND WURZELSPUK:
Ernst Kreidolf (1863-1956) und die Alpen
bis 8. Oktober 2017 auf Schloss Spiez (CH)
Die Ausstellung - bestückt aus dem umfangreichen Nachlass - präsentiert über achtzig Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen des Schweizer Malers Ernst Kreidolf (Bern 1863-Bern 1956). Die Werke des als Begründer des modernen Bilderbuchs im deutschsprachigen Raum gefeierten Künstlers führen durch seine wichtigsten Schaffensperioden. Wir sehen den jungen und empfindsamen Alpenmaler, den präzisen Botaniker, den humorvollen und poetischen Schöpfer des Wintermärchens und der Alpenblumenmärchen und entdecken den betroffenen Zeitzeugen. Nachdem Kreidolf 1917 von München nach Bern zog, wendete er sich vermehrt zeitkritischen Themen zu.
www.schloss-spiez.ch
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